Wissen · Andere Galaxien
Galaxientypen — Form und Blickwinkel
Eine Galaxie ist kein einzelner Nebel, sondern ein System aus hundert Milliarden Sternen, aus Gas, Staub und Dunkler Materie. Auf einem Foto überlagern sich zwei Dinge: ihre räumliche Bauform und der Winkel, unter dem wir zufällig auf sie schauen. Wer beides auseinanderhält, liest aus einer Aufnahme deutlich mehr — und behauptet weniger Falsches.
Hubbles Stimmgabel
Edwin Hubble ordnete die Galaxien 1926 nach ihrem Aussehen: links die glatten elliptischen Galaxien von rund (E0) bis stark abgeplattet (E7), rechts die Spiralen, aufgeteilt in zwei Zinken — normale Spiralen (Sa bis Sc) und Balkenspiralen (SBa bis SBc). Am Gabelknoten sitzen die linsenförmigen S0-Galaxien: eine Scheibe ohne erkennbare Arme. Was in kein Schema passt, heißt irregulär. Von Sa nach Sc wird der Zentralbereich kleiner, die Arme öffnen sich und werden knotiger. Gérard de Vaucouleurs verfeinerte das Schema später um Zwischenstufen (SAB für schwache Balken, Ringe, die Klassen Sd und Sm). Hubble (1926): Extra-galactic nebulae
Was hinter den Formen steckt
Hinter der Einteilung stehen zwei verschiedene Arten, wie Sterne ihre Galaxie zusammenhalten. In einer Scheibe laufen alle Sterne in dieselbe Richtung auf annähernd kreisförmigen Bahnen — die Rotation trägt das System, so wie bei den Planeten um die Sonne. Deshalb ist eine Scheibe dünn: Ihre Sterne haben wenig Bewegung senkrecht zur Ebene. In einer elliptischen Galaxie dagegen fliegen die Sterne kreuz und quer, jeder auf seiner eigenen, oft stark exzentrischen Bahn. Das System wird nicht durch Rotation, sondern durch diese ungeordnete Bewegung gegen die eigene Schwerkraft gestützt — ähnlich wie Gasdruck einen Stern stützt. Solche Systeme sind rund oder ellipsoidisch, aber nie flach wie eine Scheibe.
Damit hängt zusammen, was die Galaxien enthalten. Scheiben haben kaltes Gas und Staub, aus denen weiter Sterne entstehen; ihre Arme leuchten deshalb blau und sind von roten H-II-Regionen durchsetzt. Elliptische Galaxien haben ihr kaltes Gas weitgehend verloren oder aufgebraucht. Sie bestehen überwiegend aus alten Sternen und leuchten gelblich bis rötlich — nicht, weil sie kühl wären, sondern weil die heißen, blauen, kurzlebigen Sterne längst ausgebrannt sind. Wie es zu diesen zwei Bauplänen kommt, ist Thema des Artikels Galaxienentwicklung.
Balken: die Regel, nicht die Ausnahme
Ein Balken ist kein Fremdkörper, sondern eine Instabilität der Scheibe selbst: Wenn genügend Sterne auf länglichen Bahnen laufen, die sich gegenseitig verstärken, entsteht eine rotierende Stange aus Sternen durch das Zentrum. Im nahen Infrarot, wo Staub kaum stört, zeigen etwa zwei Drittel aller Spiralgalaxien einen Balken — auch unsere Milchstraße ist eine Balkenspirale vom Typ SBbc. Balken sind wichtig, weil sie Gas umverteilen: Das Gas verliert an den Balkenflanken Drehimpuls und strömt nach innen, wo es Sternentstehungsringe speist oder ein zentrales Schwarzes Loch füttert. Genau das wird bei NGC 6951 untersucht, deren kleiner Kernring aus jungen Sternen nur wenige hundert Parsec vom Zentrum entfernt liegt. In unserer Aufnahme ist dieser Ring nicht aufgelöst; der Balken selbst zeigt sich als längliche helle Mitte, aus der die Arme ansetzen. ESA/Hubble: NGC 6951
Die Perspektive verändert das Porträt
Eine Scheibe sieht je nach Neigung völlig anders aus. Von oben erscheint sie als Kreis, schräg als Ellipse, von der Kante als Strich. Weil eine Sternscheibe im Vergleich zu ihrem Durchmesser sehr dünn ist, verrät das Achsenverhältnis der Ellipse den Neigungswinkel fast direkt: Die kurze Achse geteilt durch die lange Achse ist ungefähr der Kosinus der Neigung. Eine Galaxie, die halb so breit wie lang erscheint, ist um etwa 60 Grad gekippt. Erst ganz nahe der Kantenlage stößt die Regel an ihre Grenze, weil die Scheibe dann ihre eigene Dicke zeigt — bei NGC 891 sehen wir genau diese Dicke, samt dem Staubband, das die Scheibe längs teilt.
Die Neigung entscheidet auch, was im Bild überhaupt sichtbar wird. Bei geringer Neigung liegen die Arme ausgebreitet vor uns, dafür fällt das Staubband kaum auf, weil wir durch die dünne Scheibe hindurchsehen. Bei hoher Neigung liegen die Arme übereinander und werden unentwirrbar — dafür schiebt sich der Staub der Scheibe als dunkles Band vor das Sternlicht, weil wir nun Tausende von Lichtjahren Scheibe der Länge nach durchblicken. NGC 891 gilt deshalb als das Bild, das unsere Milchstraße von außen abgeben würde: ähnliche Größe, ähnlicher Typ, Kantenlage. Dass uns die Milchstraße selbst als Band mit dunklen Rissen über den Himmel läuft, ist dieselbe Geometrie von innen. Hubble: NGC 891 von der Kante
Was die Farbe verrät — und was nicht
Blaue, helle Bereiche in den Armen stammen von jungen, massereichen Sternen, die nur wenige Millionen Jahre alt werden; wo sie leuchten, ist Sternentstehung im Gang. Rosarote Knoten sind H-II-Regionen — Wasserstoff, den solche Sterne zum Leuchten bringen. Ein gelblicher Zentralbereich enthält vor allem ältere Sterne, in denen die blauen längst fehlen. So weit stimmt die Faustregel aus dem Lebenswege-Artikel. Aber ein Foto ist keine Messung: Staub rötet das Licht der dahinterliegenden Sterne, Filter und Bildbearbeitung verschieben Farben, und ein Breitbandbild kann nicht zwischen einem Stern mit zehn Millionen und einem mit hundert Millionen Jahren unterscheiden. Alterskarten und Sternentstehungsraten brauchen Spektren und Mehrfarbenmessungen. Das Bild zeigt, wo etwas passiert — nicht, wie viel. Hubble: Galaxien

KI-generierte Illustration: von links Spiralgalaxie, Balkenspirale, linsenförmige und elliptische Galaxie. Die Formen zeigen weder eine Größenreihe noch eine zeitliche Entwicklungsfolge. Irreguläre Galaxien sind hier nicht dargestellt. Dieses Bild ist KI-generiert — keine Aufnahme, sondern eine Veranschaulichung.
Ein paar Dinge, die man dazu wissen sollte:
- „Frühe“ und „späte“ Typen sind ein historischer Irrtum. Elliptische Galaxien heißen bis heute „early type“, Spiralen „late type“, weil man einmal glaubte, Galaxien wanderten mit dem Alter von links nach rechts durch die Stimmgabel. Das Gegenteil ist eher richtig: Wenn Spiralen verschmelzen, entsteht daraus oft eine Elliptische.
- Zwerge sind die Mehrheit. Die auffälligen großen Spiralen und Elliptischen sind zahlenmäßig eine Minderheit. Die meisten Galaxien sind lichtschwache Zwerggalaxien — in der Lokalen Gruppe kommen auf drei große Spiralen Dutzende von Zwergen wie M 32 und M 110.
- Klassifizieren ist Ansichtssache. Die Zuordnung zu Sa, Sb oder Sc erfolgt nach Augenmaß und hängt vom Blickwinkel, der Belichtung und der Wellenlänge ab. Das Bürgerwissenschaftsprojekt Galaxy Zoo hat deshalb Hunderttausende Galaxien von vielen Menschen unabhängig einordnen lassen. Galaxy Zoo
- Die Milchstraße ist eine Balkenspirale. Typ SBbc, mit einem Balken von einigen zehntausend Lichtjahren Länge, den wir von der Sonne aus nur indirekt — über die Bewegungen und Verteilung der Sterne im Zentrum — nachweisen können.
- Linsenförmige Galaxien sind keine „Spiralen ohne Arme“. Sie haben eine Scheibe, aber kaum noch Gas. Viele von ihnen sind vermutlich Spiralen, die in Galaxienhaufen ihr Gas verloren haben — dazu mehr im Artikel Galaxienverbände.
Am eigenen Himmel
Die Galerie deckt inzwischen einen guten Teil der Stimmgabel ab — vor allem aber fast alle Neigungswinkel:





