Wissen · Sternphysik
Wolf-Rayet-Sterne — ein Stern holt seine eigene Vergangenheit ein
1867 fanden Charles Wolf und Georges Rayet am Pariser Observatorium drei Sterne im Schwan, deren Spektren aussahen wie verkehrt herum: statt dunkler Absorptionslinien breite, helle Emissionsbänder. Heute kennt man in der ganzen Milchstraße nur rund 700 Sterne dieser Art — und einer der schönsten steht mitten in dieser Galerie: WR 136, der Motor des Sichelnebels.
Ein Stern ohne Haut
Ein Wolf-Rayet-Stern ist das freigelegte Innere eines einst sehr massereichen Sterns. Was als O-Stern mit 25 und mehr Sonnenmassen beginnt, verliert im Lauf seines kurzen Lebens die komplette Wasserstoffhülle — übrig bleibt der heiße Heliumkern, bei WR 136 mit einer Oberflächentemperatur um 70 000 K und einigen hunderttausend Sonnenleuchtkräften. So ein nackter Kern hält sein eigenes Licht kaum aus: Der Strahlungsdruck treibt einen Sternwind mit 1 000 bis 3 000 km/s, der pro Jahr mehrere Erdmassen an Material davonträgt — millionenfach mehr als der Sonnenwind.
Dieser Wind erklärt auch das verkehrte Spektrum: Er ist so dicht, dass man gar nicht die Sternoberfläche sieht, sondern die expandierende Hülle selbst leuchten sieht. Die Linien sind Emissionslinien des Windes, dopplerverbreitert durch seine Geschwindigkeit. Und je nachdem, wie tief die Zwiebel schon geschält ist, dominiert Stickstoff (Klasse WN, wie WR 136), Kohlenstoff (WC) oder Sauerstoff (WO) — man liest am Spektrum ab, welche Brennasche gerade an der Oberfläche liegt.
Die Sichel: ein Wind holt den anderen ein
Der Sichelnebel NGC 6888 ist das Sichtbarwerden einer einfachen Tatsache: Derselbe Stern hat nacheinander zwei sehr verschiedene Winde geblasen. In der Riesenphase kroch das Material mit einigen zehn km/s davon — dicht, kühl, langsam. Der heutige WR-Wind ist rund hundertmal schneller. Er holt den alten Wind unweigerlich ein und schiebt ihn wie ein Schneepflug zu einer dünnen Schale zusammen. Was wir als Sichel fotografieren, ist also kein Nebel, den der Stern „ausgestoßen“ hat, sondern seine eigene Vergangenheit, aufgesammelt und zum Leuchten gebracht.
Ein paar Punkte, die im Bild nur implizit drinstecken:
- Die Schale ist chemisch markiert. Das aufgesammelte Material stammt aus dem Inneren des Sterns und ist deutlich stickstoffreicher als gewöhnliches interstellares Gas — die Sichel trägt die Signatur des CNO-Brennens. WR-Winde liefern schwere Elemente ans interstellare Medium, noch bevor die Supernova überhaupt stattgefunden hat.
- Zwei Stoßfronten, zwei Farben. Wo die Schale in die Umgebung drückt, leuchtet komprimiertes Gas in Hα rot; die dünne [O III]-Haut knapp davor markiert das frisch geschockte, höher angeregte Gas. Dieselbe Duo-Band-Logik wie bei den Ionisationsfronten — nur ist der Antrieb hier Windes-, nicht Lichtdruck.
- Doppelsterne sind der zweite Weg. Nicht jeder WR-Stern hat seine Hülle allein weggeblasen: Bei vielen hat ein enger Begleiter sie abgesaugt. Massentransfer im Doppelsystem gilt heute als mindestens gleichwertiger Entstehungskanal — der nackte Heliumkern am Ende ist derselbe. WR 153ab im Löwennebel ist so ein Fall: ein Vierfachsystem aus zwei Doppelsternen, in dem der WR-Stern einen O-Überriesen als engen Partner hat.
- Warum WR-Ringnebel so selten sind. Die WR-Phase dauert nur wenige hunderttausend Jahre — ein Wimpernschlag selbst gegen das kurze Leben eines O-Sterns. Die Schale muss sich in dieser Frist bilden und sichtbar bleiben, bevor sie zerfasert oder die Supernova sie zerreißt.
- Das Ende ist eine Supernova ohne Wasserstoff. Explodiert ein WR-Stern, fehlen im Spektrum die Wasserstofflinien — die Hülle ist ja längst weg. Genau das definiert die Supernovae vom Typ Ib und Ic. Schnell rotierende WR-Sterne sind darüber hinaus die besten Kandidaten für lange Gammablitze.
- WR 136 ist auf der Zielgeraden. Ein Stern in dieser Phase hat den größten Teil seines Brennstoffs verbraucht. Astronomisch gesprochen steht die Explosion unmittelbar bevor — was bei Sternen freilich noch einige zehntausend bis hunderttausend Jahre heißen kann.
![KI-generierte Illustration einer Wolf-Rayet-Windblase: ein zentraler blau-weißer Stern in einer Blase aus geflochtenen roten Wasserstofffilamenten, umhüllt von einer dünnen blaugrünen [O III]-Haut.](wissen/wolf-rayet-sterne/windblase-schema-1376.avif)
Die Windblase als Szene: geflochtene Hα-Filamente aus aufgesammeltem Riesenwind, am oberen Rand am dichtesten, außen die zarte [O III]-Haut, im Zentrum der freigelegte heiße Kern. Dieses Bild ist KI-generiert — keine Aufnahme, sondern eine Veranschaulichung nach dem Vorbild der Sichel.
Zwei Wolf-Rayet-Sterne in einem Feld
Der Löwennebel Sh2-132 in Kepheus, rund 11 000 Lichtjahre entfernt, ist der seltene Fall einer H-II-Region mit zwei Wolf-Rayet-Sternen — und die beiden sind verschieden weit geschält. WR 153ab ist ein WN6 wie WR 136, mit 9,2 mag der hellere, und er treibt die große rote Hauptschale des Nebels an. WR 152 ist ein WN3: heißer, weiter fortgeschritten, aber leuchtschwächer, nur 11,6 mag. Um ihn liegt eine eigene Höhle, die im Duo-Band nicht rot, sondern türkis leuchtet. Das ist die Stufe des Diagramms oben, nur unter anderen Bedingungen: Die Sichel ist eine Windblase im leeren Raum, die Höhle um WR 152 eine Windblase innerhalb einer leuchtenden Wolke. Wind und Ionisation arbeiten hier zusammen, und weil der WN3-Stern hart genug strahlt, um Sauerstoff doppelt zu ionisieren, füllt [O III] das ganze Innere statt nur eine dünne Haut zu bilden.
Am eigenen Himmel
Der Sichelnebel steht zweimal in dieser Galerie — einmal als eigenes Porträt, einmal im Panorama-Zusammenhang —, der Löwennebel steuert zwei weitere Wolf-Rayet-Sterne bei, und in M 33 zeigt sich, dass sie keine Spezialität der Milchstraße sind:







Zum Weiterlesen
- Wolf-Rayet-Stern — Überblick über Klassen, Winde und Entwicklungswege (Wikipedia).
- Sichelnebel (NGC 6888) — der konkrete Nebel dieser Galerie (Wikipedia).
- Weaver et al. (1977) — die klassische Theorie windgeblasener Blasen im interstellaren Medium.
- Crowther (2007) — Übersichtsartikel zu den physikalischen Eigenschaften der Wolf-Rayet-Sterne.