Wissen · Sternwiegen
M 42 — die Sternwiege vor der Haustür
Rund 1 350 Lichtjahre — nach den Maßstäben dieser Galerie ist das um die Ecke. Der Orionnebel ist die nächstgelegene große Sternwiege, das einzige Objekt seiner Art, das man mit bloßem Auge als Nebelfleck sieht, und das meistuntersuchte Stück Sternentstehung am ganzen Himmel. Für diese Galerie ist er außerdem eine Zeitkapsel: Die Aufnahme dahinter entstand 2016 mit einem 8-Zoll-Newton und einer Canon-Spiegelreflex — ein halbes Jahr Astrofotografie, dann gab die Montierung auf. Zehn Jahre später ist das Bild wieder ausgegraben, neu bearbeitet und vermessen worden.
Eine Höhle, von innen gesehen
Das Wichtigste an M 42 sieht man dem Bild nicht direkt an: seine Geometrie. Der Nebel ist keine frei schwebende Wolke, sondern die aufgebrochene Vorderseite der riesigen Orion-A-Molekülwolke. Die vier jungen Trapez-Sterne — allen voran θ¹ Orionis C, ein O-Stern — haben eine Blase in die Wolkenfront gebrannt, und diese Blase ist zufällig zu uns hin offen. Wir schauen also in eine beleuchtete Höhle hinein, deren Rückwand die Molekülwolke ist:
Die Blister-Geometrie. Die berühmte Orion Bar ist der Höhlenrand: eine Ionisationsfront, fast exakt von der Kante gesehen — dieselbe Randaufhellung wie an der Cygnus Wall, nur sechsmal näher. Und tief in der Wolke dahinter, im sichtbaren Licht völlig verborgen, sitzt mit dem Becklin-Neugebauer-Objekt gleich die nächste Generation eingebetteter Protosterne.
Das vollste Kinderzimmer der Nachbarschaft
Im Orionnebel-Haufen drängen sich über zweitausend junge Sterne, kaum eine Million Jahre alt — die komplette Besetzung des Sternentstehungs-Artikels auf engstem Raum. Sein Berühmtestes lieferte Hubble 1993: die Proplyds, Dutzende protoplanetarer Scheiben, direkt als Silhouetten und leuchtende Tropfen fotografiert. Viele davon werden von θ¹ Ori C regelrecht weggekocht — man sieht werdenden Planetensystemen dabei zu, wie die Strahlung des Nachbarsterns an ihrem Baumaterial zehrt. Geburt und Zerstörung im selben Kubiklichtjahr, wie überall in dieser Galerie — nur hier mit Adressen für jede einzelne Scheibe.
Wo er hängt
Die Aufsuchkarte gibt es gratis dazu: Orion trägt oben links mit Beteigeuze und unten rechts mit Rigel die beiden Enden der Temperaturleiter aus dem Lebenswege-Artikel — mit bloßem Auge unterscheidbar. M 42 ist der verwaschene mittlere „Stern“ des Schwerts.
Ein paar Dinge, die man dazu wissen sollte:
- M 42 war der erste fotografierte Nebel überhaupt. Henry Draper belichtete ihn 1880 durch einen 11-Zoll-Refraktor — 51 Minuten auf Fotoplatte. Dass ausgerechnet dieses Objekt hier auf einer zehn Jahre alten DSLR-Aufnahme wieder auftaucht, hat also Tradition: Der Orionnebel ist seit 145 Jahren das Erstlingswerk der Astrofotografen.
- Die Spektroskopie entschied hier einen Jahrhundertstreit. 1864 richtete William Huggins sein Spektroskop auf den Nebel und fand Emissionslinien statt Sternenlicht: M 42 ist leuchtendes Gas, kein unaufgelöster Sternhaufen. Es war der erste direkte Beweis, dass es echte Gasnebel gibt — die Geburtsstunde der Nebelphysik aus dem Wasserstoff-Artikel.
- Visuell ist er grün. Im Teleskop zeigt M 42 als einer der ganz wenigen Nebel tatsächlich Farbe fürs Auge — ein fahles Graugrün, die [O III]-Linie, für die das dunkeladaptierte Auge am empfindlichsten ist (warum, steht im Farben-Artikel). Das fotografische Rot und das visuelle Grün sind beide echt; sie kommen nur aus verschiedenen Linien.
- M 43 ist eine eigene kleine Blase. Der runde Nebel nordöstlich des Hauptnebels hat mit NU Orionis seinen eigenen ionisierenden Stern und ist durch einen Staubzug vom großen M 42 getrennt — dieselbe Physik im Taschenformat, direkt daneben.
- Der Nebel ist ein Verfallsdatum mit Anhang. In etwa hunderttausend Jahren hat das Trapez seine Höhle vollständig aufgeblasen und das Gas zerstreut. Übrig bleibt ein junger offener Haufen ohne Nebel — das Stadium, das der Sternhaufen-Artikel als „freigeblasen“ führt. Die Plejaden von übermorgen hängen heute im Schwert des Orion.
Am eigenen Himmel
Alle Abbildungen stammen aus der 2016er-Aufnahme — dem ältesten Bild dieser Galerie, aufgenommen mit einer Ausrüstung, die es nicht mehr gibt:



NGC 1977, der Running Man: kein Emissions-, sondern ein Reflexionsnebel — bläulich gespiegeltes Sternlicht, in das eine dunkle Figur aus Vordergrundstaub geschnitten ist. Der direkte Nachbar zeigt, wie anders dieselbe Region aussieht, wenn kein O-Stern das Gas ionisiert.
Eigene Aufnahme · M42 · 14,1′ × 25,3′ · zum Galerieeintrag

Das südliche Schwertfeld mit ι Orionis und NGC 1980: hier franst der Nebel aus, und die Sterne übernehmen das Bild. Ob NGC 1980 ein eigenständiger Vordergrund-Haufen oder Teil des Orionnebel-Haufens ist, wird bis heute diskutiert — selbst vor der Haustür ist die Tiefenstaffelung nicht geschenkt.
Eigene Aufnahme · M42 · 17,6′ × 15,5′ · zum GalerieeintragZum Weiterlesen
- Orionnebel — Geschichte, Physik und Beobachtung (Wikipedia).
- Orion (Sternbild) — die Aufsuchkarte im Detail (Wikipedia).
- Protoplanetare Scheibe — die Proplyds und ihre Verwandten (Wikipedia).
- Henry Draper — der Mann hinter dem ersten Nebelfoto von 1880 (Wikipedia).